Daur-Online

Seit 2014 arbeite ich, als Online Marketing Spezialist, für den Verlag SDZ Druck und Medien GmbH in Aalen. Diese Tätigkeit bringt einen engen Kontakt zu den lokalen Händlern mit. Zum Einem der Vermarktungstätigkeit geschuldet, der Produktentwicklung digital für lokale Unternehmen, Gewerbeverbände und zum Anderen dem täglichen Mittagessen in den Restaurants der Innenstadt.

Aber erst mal ein Blick vor die Zeit des Corona Lockdowns.

Aalen liegt in der Ostalb und ist eine mittelgroße Stadt mit ca. 68.000 Einwohnern. Die Ostalb ist eine wirtschaftlich stabile Region mit einer überdurchschnittlichen Kaufkraft pro Einwohner von 7.068.- € (Einzelhandels relevante Kaufkraft 2018) und einem durchschnittlichen Einkommen von 23.888.- € (2016 – Durchschnitt Deutschland 22.000.- € ). Die Agentur für Arbeit meldete am 29.11.2019, 7.875 Arbeitslose bei 311.587 Einwohner, was als Vollbeschäftigung gilt. Die städtischen Handelsverbände kümmern sich um Ihre Händler und schaffen es, den Wettbewerb gering zu halten, bzw. auszuschließen.

Ein Ladengeschäft in 1A-Lage im Stadtzentrum, Erdgeschoß, 205 m² wird mit einer Miete NKM von 4.000.- € (Quelle aktuelles Angebot Immonet, Reichstädter Strasse), was einem Preis von 19,51 €/m² entspricht. Der gewerbliche Mietpreis ist, im Vergleich mit anderen Städte im guten oberen Mittel. So z.B. Fulda mit 68.000 Einwohnern, hier liegt eine 1A-Lage im Mittel zwischen 6.- € und 25.- € usw.

Rundum, die Ostalb, mit Aalen und den weiteren zugehörigen Städten Ellwangen, Schwäbisch Gmünd und Bopfingen, steht 2019 gut da. Das Leben ist entspannt, stabil, sicher und fast schon etwas langweilig.

Ich trau mich mal und spreche hier von einem „gesättigten Markt“.

Definition:
Als gesättigten Markt bezeichnet man einen Markt, auf dem die Nachfrage der Kunden genau dem Angebot aller jeweiligen Produkte entspricht. In einem solchen Fall der Marktsättigung ist das ursprüngliche Kundenbedürfnis abgedeckt. Aus Unternehmersicht gestalten sich bei dieser Marktlage weitere Vertriebsmaßnahmen schwierig, da die Kunden nicht mehr zum Kauf bereit sind.

Heißt, die Ostalb, sowie viele andere Regionen, sind marktwirtschaftlich am Zenit des wirtschaftlich möglichen. Es ist einfach schwerer geworden, die jährlichen Umsätze zu steigern, denn lokal gesehen ist das Wachstum einfach zu gering um noch große Sprünge zu planen.
In Großstädten würde jetzt ein enormer Wettbewerb ausbrechen, wobei die lokalen Händler Marktanteile von Wettbewerbern angreifen würden. Diesen Wettbewerb gibt es aber auf der Ostalb kaum.
Kurzum, jeder lokale Händler, Dienstleister oder Gastronom, dessen Kunden aus der eigenen Region kommen, hat kaum noch Möglichkeiten weitere Umsätze aus dem Markt zu ziehen.

Dem gegenüber stehen die gewerblichen Mietpreise, Lohnkosten, Nebenkosten… die von Jahr zu Jahr steigen. Wenn also das lokale Umsatzpotential begrenzt ist und die Kosten weiter steigen, ist die Konsequenz einfach.

  1. Konsequenz:
    1. Eine Regulierung der Lohnkosten und Mietkosten, durch den Staat. Haha, kurz gelacht.
    2. Eine Regulierung der Lohnkosten und Mietkosten, durch den Markt. Wahrscheinlich, zumindest was Mieten anbelangt.
  2. Konsequenz:
    Der Einzeländler, Gastronom, Dienstleister etc. bekommt noch mehr Druck durch steigende Kosten und wird nach Alternativen (unser online Marktplatz www.hallo-ostalb.de ist z.B. solch eine Alternative) suchen, die seine Kosten reduzieren.
  3. Konsequenz:
    1. Mietkosten reduzieren durch Verkleinerung oder Abwanderung in günstigere Lagen.
    2. Lohnkosten runter durch weniger Mitarbeiter
  4. Konsequenz:
    1. Einzelhändler verlassen die Innenstädte.

Ich hatte eingangs erwähnt, dass wir regelmäßig in die Aalener Innenstadt gehen, zum Mittagessen. Dabei gehen wir täglich durch die 1A-Lagen und beobachten die Entwicklung. Dabei ist uns eines aufgefallen, was genau zu den oben genannten Konsequenzen passt.

Einzelhändler schließen Ihre Geschäfte und werden durch Dienstleister ersetzt.

Warum?

Die Antwort ist einfach.

Der Einzelhandel…

  • hat enorm hohe Grundkosten (Miete, Lohn…)
  • ist meist ist er Wiederverkäufer, heißt er erhält nur eine Provision aus den verkauften Produkten.
  • hat sich nur auf den lokalen Markt spezialisiert, in der Regel Laufkundschaft
  • durch das jahrzehntelange blocken von Wettbewerbern am Markt (Ostalb) musste er sich nicht weiterentwickeln (Fluch und Segen).
  • Durch die extrem lokale Prägung, war E-Commerce nie ein Thema.
  • E-Commerce hat sich aber inzwischen so stark entwickelt, dass es jetzt für jeden Einzelhändler einen Wettbewerber gibt, der nach allen Regeln der Kunst Marktanteile national und lokal angreift.
  • ist also ein Gefangener des gesättigten Marktes und der daraus hervorgehende Verlierer.

Die Dienstleister (Gastronomie, Friseure…)

  • haben ebenfalls hohe Grundkosten (Miete, Lohn…)
  • brauchen in der Regel kein großes Warensortiment, da diese eine Leistung verkaufen
  • Die Kunden müssen in das Geschäft, es gibt für einen Friseur z.B. keinen digitalen Wettbewerber.
  • Mit einem Dienstleister macht man in der Regel einen Termin aus, gute Planbarkeit.

Jetzt rächt sich also das Jahrzehntelange Prinzip der Mietenmaximierung von Innenstädten. Langfristig kann man davon ausgehen, dass Innenstädte nicht sterben werden, nur das Angebot wird ein anderes sein. Nämlich Dienstleistungen aller Art. Erst wenn es wirtschaftlich wieder spannend für Einzelhändler wird, werden diese zurückkommen. Der Trend des E-Commerce steht diesem allerdings entgegen.

So, und jetzt kam auch noch Corona mit dem Lockdown.

Die Folgen, enorme lokale Umsatzeinbrüche beim Einzelhandel und den Dienstleistern. Selbst nach der Lockerung des Lockdowns, bleiben die Besucher aus. Wer sich bisher auf die lokalen Kunden verlassen hat, erlebt nun leere Straßen und Geschäfte. Die Folgen des „gesättigten Marktes“ schlagen jetzt in voller Härte zu.

Der schleichende Prozeß über die Marktwirtschaft mit jährlichen kleinen Erhöhungen von 0,5 – 2% wurde durch Corona einfach mal gekillt. Oder einfacher gesagt, das Kosten / Umsatzverhältnis hat sich von gestern auf heute drastisch verändert.

Unternehmen, die schon vor der Corona-Krise in E-Commerce investiert haben, kommen mit wesentliche geringeren Einbußen davon. Was aber nicht für alle Branchen gilt, denn alles was mit Urlaub zu tun hat, kann auch durch eine Digitalisierung nicht gerettet werden.

Verlierer – Reiseportale: Die Pandemie sorgte für eine Flut an Stornierungen – und die Reiseveranstalter und -vermittler haben in den vergangenen Wochen nicht unbedingt den besten Ruf gesammelt.

Gewinner sind dabei vor allem Plattformen aus den Bereichen „Online-Shopping“ und „Online-Entertainment„. Bei Ersterem spielte der Onlinehandel und das Angebot derjenigen Waren hauptsächlich eine Rolle, die für die essenzielle Lebensgestaltung des Alltags benötigt wurden. In der Corona-Krise waren und sind besonders Online-Plattformen, welche Sportartikel, Hard- sowie Software, Spiele und Lebensmittel anbieten, gefragt.

Ähnlichen Erfolg verzeichnete die Onlinepräsenz verschiedener Essenslieferdienste. Seiten wie Grubhub.com (amerikanischer Lieferdienst), Lieferando.de, Uber Eats und Deliveroo hatte einen beinahe verfünffachten Zuwachs an Bestellungen.

Auch digitale Käufe von Software- und Hardwareprodukten stiegen um 65 Prozent – vor allem Artikel, welche scheinbar das Home-Office arbeitender Menschen unterstützen sollten.

Die Netflix-Aktie stieg um über 42%.

Plattformen wie Facebook, Instagram und auch der Nachrichtendienst „WhatsApp“ wurden mehr als doppelt so oft benutzt wie innerhalb des letzten Quartals im Jahr 2019.

Wo geht die Reise also hin, für die deutschen Innenstädte?

Ich würde das mal so definieren…

  1. Der Einzelhandel wird sich umorientieren. Heißt, kleiner Geschäfte und den Aufbau eines zweiten Standbeins des E-Commerce. Aufgrund der hohen Kosten werden 1A-Lagen nicht mehr so spannend sein. Der Handel wird sich also langsam in den digitalen Bereich verlagern, da wo es möglich ist.
  2. Dienstleister werden das Bild der Innenstädte prägen. Dies ist schon alleine dem geschuldet, dass es keinen digitalen Wettbewerb gibt. Die Menschen müssen zum Dienstleister persönlich gehen um die Leistung zu erhalten. Dazu gehören Gastronomen, die komplette Beautybranche, Ärzte etc.
  3. Ähnlich wie bei den Einzelhändlern wird bei den Gastronomen der Versand eine wichtige Rolle erlangen. Dazu gehören insbesondere Lieferdienste.
  4. Lokale Online-Communities werden entstehen um die Menschen lokal zu vernetzen. Diese Communities verbinden dabei das lokale Angebot mit dem lokalen Nutzer und dienen als Kommunikationsplattform. Damit werden die Defizite aus kleineren Ladenflächen kompensiert. Denn digital ist das Warensortiment nicht begrenzt, im Lager schon.
  5. In den Außenbereichen der Städte wird es verstärkt Lagerflächen geben, um das Produktsortiment vielfältig halten zu können.
  6. Und ganz klar, Lebensmittel, ja auch die werden wieder verstärkt Einzug halten in die Innenstädte.

Innenstädte werden also zu Bereichen werden, in denen wir uns wohlfühlen und gerne unsere Freizeit verbringen. Wir werden dort alles finden, was wir Online nicht kaufen können. Treffen mit Freunden, Frisörbesuche, Essen, Genießen… und unsere Bestellungen evtl. direkt in einem Abhol-Dienstleiter mitnehmen. Soweit wir überhaupt Lust haben Pakete mit uns herumzuschleppen. Aber wenn es schnell gehen soll, wäre dies eine Möglichkeit.

Innenstädte werden meiner Meinung nach, von Handels- zu Servicezentren und genau so müssen diese auch umgeplant werden.
Das Erleben kommt in den Vordergrund und das Shopping fällt zurück.

Gelingt dies nicht und die Innenstädte sind erst einmal unten, bekommen wir sie nicht wieder so einfach hoch. Woher soll dann künftig der Städtetourismus kommen, wenn kein attraktives Zentrum mehr da ist?

Wolfram Daur - Online Marketing Manager || 2016 offiziell zertifiziert durch ein Online-Studium zum Online Marketing Manager durch die DEPAK (Deutsche Presseakademie)

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