Daur-Online

Wer das Thema Verlage versus Google verfolgt, muß sich nach der aktuell erschienen Veröffentlichung des BDZV und VDZ, die Frage stellen… tickt Ihr eigentlich noch richtig?

Ich erlaube mir hier ein Zitat aus dem entsprechenden Artikel im Presseportal.

„Mit großer Irritation haben wir auch eine E-Mail von Google zur Kenntnis genommen, nach der die in Deutschland erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften ebenfalls ihre Darstellung in den Ergebnissen der Suchmaschine überprüfen sollen und dabei auf die restriktiven Schritte des Suchmaschinengiganten in Frankreich hingewiesen werden.“

Artikel im Presseportal.

Ach, und da wundert Ihr Euch?

Na dann schauen wir uns doch mal die Story an.

„Deutsche Zeitungsverlage wie Axel Springer kämpfen seit Jahren dagegen, dass Google kurze Nachrichtentexte von ihren Internetseiten kostenlos auf seinem eigenen, werbefinanzierten News-Portal übernimmt. Der US-Konzern weigert sich, den Verlagen dafür eine Vergütung zu zahlen. Er argumentiert, durch die Anzeige der mit den Ursprungsseiten verlinkten Nachrichtentexte würden Nutzer auf die Internetseiten der Verlage gelotst. Damit profitierten auch sie von wachsenden Werbeerlösen, die mit den Nutzerzahlen steigen.“

Quelle: Stuttgarter Zeitung

Worum geht´s also?

  1. Die Verlage wollen, dafür dass Google deren Nachrichten in den Suchen veröffentlicht, Geld.
  2. Google hält dagegen, dass durch eben diese Veröffentlichungen, Nutzer auf deren Seiten gelotst werden.

Um hier einmal ein Paar Fakten zu bringen:

  1. Lokale Verlage beziehen über 50% ihres Webseitentraffics über die Organische Suche (Google). Bei national ausgerichteten Nachrichtenportalen dürfte die Rate weitaus größer sein.
  2. Die digitale Reichweite wird von den Verlagen monetarisiert. Dazu gehören Display Ads, Advertorials… Wer also viel Reichweite digital aufbaut, kann auch entsprechende Umsätze erzielen.
  3. Würden die durch Google gewonnenen Reichweitensteigerungen der Verlagsseiten wegfallen, würden sich die digitalen Erlöse quasi über Nacht halbieren.

Der Bund der Deutschen Zeitungsverleger und der VDZ möchte also folgendes:

  1. Sie möchte die Umsatzerlöse aus der Monetarisierung der Reichweiten über Google weiterhin behalten.
  2. Sie möchte außerdem für die Veröffentlichung der Nachrichten in der Google Suche, Geld von Google.
  3. Und natürlich möchten Sie auch weiterhin in den Google Suchergebnissen gefunden werden.

Kleiner Hinweis am Rande:

Das Geschäftsmodell von Google sind Google Ads. Heißt, wer mit seinen Inhalten in der Google Suche auf die ersten Plätze will, der muß dafür zahlen oder eine saubere SEO leisten. Letzteres ist kostenloser Grundbestandteil der Google Suche.

Die Verlage hatten allerdings schon immer die Möglichkeit ihre Webseiten aus der Google Suche zu entfernen. Dafür reicht ein einfacher Eintrag in Form von „noindex“ in den Webseiten aus.

Vertreten wird der BDZV und der VDZ von der VG Media.

„Die VG Media ist ein Unternehmen der privaten Medienindustrie mit Sitz in Berlin. Als Verwertungsgesellschaft vertritt sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte nahezu aller deutschen und mehrerer internationaler privater Fernseh- und Radiosender sowie rund 200 digitale verlegerische Angebote namhafter Presseverleger.“

Quelle: VG-Media

Die VG Media klagte also im Sinne der Verlage gegen Google und forderte für die Veröffentlichung der Nachrichten in den Suchergebnissen eine „Entschädigung“.

Um genau zu sein:

Für den Zeitraum August 2013 bis Ende 2018: 1,24 Milliarden Euro und für den Zeitraum 2019 bis 2024 eine Staffelung zwischen 3, 44 Milliarden und 8,5 Milliarden Euro. Quelle: Tagesspiegel

Dabei bezieht sich die VG Media auf das 2013 von der damals schwarz-gelben Bundesregierung eingeführte deutsche Leistungsschutzrecht. Bei der damaligen Entscheidung wurde allerdings das dafür erforderliche europäische Verfahren nicht eingehalten. Damit ist das 2013 „eingeführte“ Leitungsschutzgesetz quasi unwirksam.

VG Media bezieht sich also bei seiner Klage auf ein Leistungsschutzgesetzt, welches eigentlich nicht rechtskräftig ist.

Daher erklärte der Europäische Gerichtshof das deutsche Leistungsschutzrecht im Streit VG Media gegen Google als nicht anwendbar. Quelle: Meedia

Da die Klage mangels Grundlage vom EuGH abgelehnt wurde, hat VG Media jetzt ein Problem.
Anhand des von der VG Media aufgerufenen, extrem hohen Streitwertes in Milliardenhöhe, so ca. 10 Milliarden €, entstehen natürlich auch entsprechende Prozesskosten.

Hier mal nur zum Spaß ein Link zu einem Prozesskostenrechner! Anmerkung: Der Rechner geht nur bis maximal 30 Millionen Streitwert, aber man kann ja mal hochrechnen. Bei 10 Millionen liegt das Gesamtkostenrisiko bei 326.501,76 €. Gut das wären jetzt bei 10 Milliarden 326.501.760.- €, das ist wohl etwas hochgegriffen.

Der Mediananwalt Christian Solmecke spricht hier von ca. 10 Millionen Euro Prozesskosten für die VG Media. Quelle: WBS Youtube

So, jetzt stellt sich die Frage wer zahlt die Zeche?

Die Verleger alias VR Media: Nein, wir wollen nur unser Recht und der Staat hat´s vermasselt.
Der Staat: Nun, verdummbeutelt hats die schwarz-grüne Regierung 2013.

Letztendlich wird man wohl auf die Idee kommen, dass der Bürger mal wieder für diese Schäden aufkommt. Und ganz ehrlich das ist eine Frechheit.

Kurzes Zwischenspiel:

Die Verlage fordern über die VR Media einen Schadensersatz von ca. 10 Milliarden Euro für die Ausspielung derer Inhalte in der Google Suche.
Außerdem möchten und können sie auf Google nicht verzichten, da ansonst das digitale Erlösmodell der Verlage über Nacht zusammenbrechen würde. Daher entfällt auch die Google Option, Webseiten von der Indexierung auszuschließen.

Es gibt dafür ein Sprichwort:
„Beiße nie die Hand die Dich füttert!“

So, kommen wir jetzt zu den Verlagen in Frankreich.

Frankreich setzt als erstes das neue Leistungsschutzgesetz um. Darin geht es darum, dass Google und Co., die kurzen Textausschnitte nicht mehr einfach so in der Suche ausspielen dürfen.

Daher wurde in Frankreich jeder Verlag von Google gefragt, willst Du bei uns mitspielen oder nicht. Wenn nein erscheinst Du in der Google Suche nur noch mit einer Teaser-Überschrift, wenn ja, dann bleibt alles beim Alten, ohne Vergütung.

Google sagt dazu folgendes:

„Wir verkaufen Anzeigen, keine Suchergebnisse, und jede Anzeige auf Google ist klar gekennzeichnet. Das ist auch der Grund, warum wir keine Verlage dafür bezahlen, wenn Nutzer auf deren Links in den Suchergebnissen klicken.“

Quelle: t3n

«Alleine in Europa leitet Google jeden Monat mehr als acht Milliarden Besucher auf News-Plattformen weiter.» Jeder dieser Clicks sei bares Geld wert, so Google.

Quelle: Kleinreport

Außerdem bietet Google, neben der klassischen Funktion „noindex“,  weitere Formen der An-, bzw. Abmeldung bei Google an, über die Google Search Console sowie über neue Robots Meta Tags.

Und jetzt ist der BDVZ und der VDZ überrascht!?

Ich zitiere kurz nochmal:

Die beiden Spitzenverbände der deutschen Zeitungen und Zeitschriften, BDZV und VDZ, haben den französischen Verlagen ihre volle Unterstützung für ihre heute angekündigten kartellrechtlichen Schritte gegen Google zugesagt.
„Nach unserer Auffassung missbraucht Google seine Marktmacht dazu, das heute in Frankreich in Kraft getretene neue Urheberrecht zu umgehen“, sagte ein Sprecher der Verbände. Es sei richtig, dass die Zeitungen in Frankreich hiergegen kartellrechtliche Schritte eingeleitet haben. Hintergrund: Google stellt die Verlage in Frankreich faktisch vor die Wahl, entweder auf die Wahrnehmung des Publisher´s Right zu verzichten und ihre Inhalte ohne Vergütung anzuzeigen oder in den Suchergebnissen benachteiligt zu werden.
„Mit großer Irritation haben wir auch eine E-Mail von Google zur Kenntnis genommen, nach der die in Deutschland erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften ebenfalls ihre Darstellung in den Ergebnissen der Suchmaschine überprüfen sollen und dabei auf die restriktiven Schritte des Suchmaschinengiganten in Frankreich hingewiesen werden.“

Quelle: Presseportal

Puh, ja ich bin auch überrascht.

Denn eines ist klar, die deutsche Politik sowie die Unternehmen haben die Digitalisierung verschlafen, bzw. für nicht relevant empfunden. Anstatt sich hinzusetzen und aufzuholen, zu investieren, zu fördern… geht man gegen die vor, die die Digitalisierung in Perfektion verstanden haben. Statt Sich als Verlage zusammenzuschließen und eine eigene digitale Strategien zu entwickeln um den Markt anzukurbeln, verkriecht Ihr Euch! Ihr hättet gemeinsam so viel Potential, aber Ihr gefallt Euch zu gut in der Rolle der Lokalfürsten und neidet einander den Dreck unter den Fingernägeln. Aber sobald ein gemeinsames Feindbild aufgebaut ist, dann aber, wuhuu, werden die Säbel gewetzt. Zumindest bis Google die Daumenschraube anzieht, wie in Frankreich geschehen, denn dann geht’s an Eure Erlöse und eure Motivation zur Rebellion weicht dem Eigeninteresse.

Tut mir leid, dass sagen zu müssen, aber Ihr habt das Thema nicht begriffen, denn Google und deren Suchanfragen sind nicht das Problem.

Ich selber arbeite auch für einen lokalen Verlag. Wir haben es uns allerdings zu Aufgabe gemacht Google zu nutzen und entsprechende Strategien zu entwickeln um von deren Techniken zu prfitieren. Daraus resultierte eine Verzehnfachung der digitalen Erlöse des Verlagshauses in den letzten 4 Jahren. Und ganz ehrlich, diese Umsätze möchte ich nicht missen!

Das eigentliche Problem ist der komplette Verlust der Datenhoheit.

Das Problem, ist der komplette Kontrollverlust der erhobenen Nutzerdaten sowie die daraus resultierenden Werbemodelle.

Dies betrifft aber nicht nur den Datensammler Google, sondern auch die Netzwerke, Facebook, Instagram, Xing, Youtube, etc., die Märkte wie Amazon, Stellen, Immobilien…, die Browser Chrome, Firefox, Safari… und um noch eins draufzusetzen, die Betriebssysteme von Windows bis hin zu Android und IOs.

Europa verfügt über kein konkurrenzfähiges Produkt in den genannten Segmenten. Entsprechend haben wir die Datenhoheit an einige wenige Konzerne abgegeben.

Aus all den genannten Technologien entstand eine Disruption, deren Welle gerade im Rollen ist, das Inbound Marketing. Während Verlage zu 99% auf Outbound Marketing setzen, also Werbung ohne Targeting und enormen Streuverlusten, ermöglicht die Datenhoheit die gezielte Ansprache von Kunden und sogar über SEO und Content-Marketing die Perfektion des Inbound Marketings.

Für einen Unternehmer ist letztendlich entscheidend, was er für seine Werbeausgaben bekommt! Die entstandenen Abrechnungsmodelle der sozialen Netzwerke und Google Ads sprechen da eine klare Sprache. Der CPA oder auch „Cost per Acquisition“ ist die neue Umrechnungstapete.
Hier darf jetzt jeder selber rechnen. Was kostet ein Kunde über eine Zeitungsanzeige im Vergleich zu Facebook, Google, Instagram etc.

Hierzu noch ein schöner Artikel aus der FAZ mit der PR trächtigen Überschrift „Warum wir Google fürchten“ von Mathias Döpfner, Axel Springer. In dem offenen Brief schreibt Döpfner von der totalen Abhängigkeit seines Unternehmens von Google.

Googles Datenmonopol einzuschränken ist vermeintlich einfach, dafür müßte man nur die Datenweitergabe von Nutzerdaten an Google komplett deaktivieren. Was sich aber auch direkt auf das programmatische Ausspielen von Werbung auswirken wird und die daraus erzielten Erlöse. Aber auch der Streuverlust der Display-Werbung würde wieder steigen und somit die CPA leicht in Richtung Print verschieben. Technisch wäre dies aber ein Rückschritt.

Die DSGVO wäre hier ein interssantes Mittel zum Zweck um die Weitergabe von personenbezogenen Daten an Dritte zu unterbinden. dafür müßten die Medien lediglich ihre Macht nutzen und die Bevölkerung überzeugen, dass mit ihren persönlichen Daten nichts Gutes geschieht!
So gesehen wäre die DSGVO dann doch noch zu was nütze, allerdings ist es auch dafür schon zu spät!

Denn, Google kennt diese Schwachstellen. Daher gibt es den Google Chrome Browser, Gmail und die Google Profile, denen jeweils ein eigenes Tracking unterliegt. Google würde also immer noch Daten erhalten. Dazu kommt das Betriebssystem Android welches im September 2019 einen Marktanteil von 80,9% in Europa hatte! Quelle: Statista
Außerdem wird es sich Google nicht nehmen lassen weitere Märkte zu erschließen. Inzwischen wurde von Google eine eigene Event-Suche integriert, Google for Jobs ist aktiv, den Google Marketplace kennt man schon lange und KFZ sowie Immobilien werden wohl auch bald folgen.

Und da das alles nicht schon reichen würde, ja es gibt auch noch die Sozialen Netzwerke, vorne weg Facebook mit seinem unermesslichen Hunger an Daten. Und Facebook hat enorm viele Nutzerdaten. Dafür sorgen die 385 Millionen Nutzer pro Monat in Europa durch ihre Posts, Likes etc. Damit ist Facebook, ebenso wie andere Netzwerke komplett eigenständig und unabhängig in der Datenhoheit und Nutzung.

So und jetzt nochmal, glaubt Ihr wirklich, dass die Klage gegen Google über die Ausspielung von Snippets mit News-Inhalten, auch nur annähernd mit dem Problem zu tun haben?

Das Problem ist, und das hat auch Herr Döpfner in seinem vorher genannten, offenen Brief, erkannt.

Europa hat der Macht von Google, Facebook, Android, Windows etc. nichts entgegenzusetzen und ist damit auf deren Daten angewiesen.


Es ist höchste Zeit gemeinsam etwas gegen diesen absoluten Kontrollverlust zu tun.

Es gibt nur einen Weg aus der Misere

Europa braucht ein eigenes Betriebssystem, eigene Soziale Netzwerke und eine eigene Browsertechnologie. Abgesehen von Infrastruktur etc. aber das ist ein anderes Problem.

Dafür lohnt sich auch mal der Blick nach China!

Und wer wäre dafür nicht besser geeignet als ein Zusammenschluss, der Medienunternehmen Europas!?

Daher möchte ich hier mit einem Zitat von Matthias Döpfner schließen.

„Die Zeit der alten Garde ist am Ende – und zwar überall“

Springer-CEO Matthias Döpfner

Titelbild von Denys Vitali auf Pixabay

Wolfram Daur - Online Marketing Manager || 2016 offiziell zertifiziert durch ein Online-Studium zum Online Marketing Manager durch die DEPAK (Deutsche Presseakademie)

Next Post