Stationärer Handel und der E-Commerce – 5 Gründe warum der stationäre Handel E-Commerce scheut.

Stationärer Handel und der E-Commerce – 5 Gründe warum der stationäre Handel E-Commerce scheut.

Der Umsatz im Online-Handel wächst und wächst. Laut HDE (Handelsverband Deutschland) lag der B2C-E-Commerce Umsatz bei 57,8 Mrd. Euro in Deutschland. Für 2020 wird das Wachstum noch stärker sein als in den Vorjahren, begründet durch Corona. Aber auch der stationäre Einzelhandelsumsatz stieg in 2019 nach GFK um 0,8%. Dabei darf man aber die Verhältnismäßigkeit nicht vergessen. 10% Wachstum im Online-Handel entsprechen in Euro knapp 1% des stationären Handels!

Trotzdem und gerade wegen Corona, kommt es zu einer Beschleunigung zugunsten des E-Commerce. Wer also in 2021 immer noch nicht auf E-Commerce setzt, der wird definitiv Probleme bekommen.
Gerade der lokale Einzelhandel wird es schwer haben. So führte der erste Lockdown schon zu nicht einholbaren Umsatzeinbrüchen, der zweite Soft-Lockdown wirkte hier dann wie ein laues Lüftchen und schürte Hoffnung für ein erfolgreiches Weihnachtsgeschäft. Aktuell sieht die Situation aber nach einem weiteren Lockdown aus. Bedeutet für den stationären Einzelhandel, er hat für das Weihnachtsgeschäft Ware bestellt und bleibt, im Falle des Falles, darauf sitzen. Auch wenn der Corona-Impfstoff schon in den Startlöchern steht, wird hier keine Linderung für den stationären Einzelhandel vor Sommer 2021 zu erwarten sein. Ich gehe davon aus, dass über 30% der lokalen Händler diese Durststrecke nicht überleben werden.

Aus der Perspektive des Konsumenten sieht es ähnlich aus. Denn bedingt durch Kurzarbeit etc. steht auch weniger Kapital für den Konsum zu Verfügung. Bzw. das Geld wird weniger, die Grundkosten bleiben fix, ergo, der Konsument überlegt stärker, für was er wieviel Geld ausgibt. Auch wenn hier, durch staatliche Förderungen, etwas Luft geschaffen wurde, wird ein Umdenken im Konsumverhalten erfolgen. Nicht nur finanziell, sondern gerade auch, Lockdown-bedingt, in Puncto Bequemlichkeit.

Mein persönliches Einkaufsverhalten

Seit Corona hat sich auch mein Einkaufsverhalten noch stärker in Richtung E-Commerce verschoben. Dabei muß ich gestehen, dass ich auch noch nie zur Gruppe der „Bummler“ gehörte. Shoppen in Geschäften hat mich schon immer leicht genervt. Denn ich weiß was ich kaufen möchte und hake dabei zielstrebig die entsprechenden Shops ab, die freundliche gemeinte Frage „Kann ich Ihnen helfen?“ empfinde ich eher als störend.
Wenn ich etwas brauche, recherchiere ich die Produkte im Internet. Dann vergleiche ich Online die Preise und bestell beim günstigsten / vertrautesten Anbieter, meist ist das Amazon. Wobei ich nicht alle Produkte vergleiche, gerade bei Produkten unter 50 € kaufe ich fasst ausschließlich bei Amazon, verglichen werden nur teurere Produkte. In lokale Geschäfte gehe ich nur um Lebensmittel zu kaufen. Einzige Ausnahme war ein Besuch eines Sportgeschäfts, auf der Suche nach warmen Boots für den Winter, hier wollte ich schlichtweg fühlen, wie der Schuh beschaffen ist, gekauft habe ich ebenfalls im Geschäft.
Kurzum, 30% meines Geldes geht in Konsumgüter über E-Commerce, über 65% in Supermärkte und Lebensmittel und ein kleiner Teil tatsächlich noch in den stationären Handel.

So gewinnt ihr mich als Kunden

Wer möchte, dass ich bei ihm kaufe, der muß über entsprechende Vertriebskanäle verfügen. Dazu gehört in allererster Instanz ein Online-Shop.

  • Ohne Online-Shop sind die Chancen verschwindend gering mich als Kunden überhaupt zu bedienen.
  • Außerdem hat der Händler dann auch nur die Chance, wenn sein Shop über eine entsprechende Relevanz verfügt um überhaupt in den ersten Google-Suchergebnissen aufzutauchen.
  • Die Chancen steigen dann mit dem Produktpreis, um so teurer das Produkt, desto intensiver beschäftige ich mich mit der Suche und dem Vergleich.
  • Bei teureren Produkten ist es mir ziemlich egal, ob das Produkt aus der Region kommt oder irgendwoher aus Deutschland. Der Preisunterschied entscheidet. Ist dieser nur gering, dann kaufe ich auch bei regionalen Anbieter, bei größeren Gaps gewinnt der Preisgünstigste.
  • Und ja, ich habe auch schon in China, Korea usw. Produkte bestellt! Was ich nur mache, wenn ich extrem viel Zeit übrig habe, denn die Lieferzeiten können bis zu 8 Wochen betragen.
  • Meist kaufe ich aber über Amazon und zwar mit der Vorauswahl „Prime“. Denn ich habe oft einen akuten Bedarf und möchte das Produkt schnell haben. Mein neuer Bürostuhl braucht jetzt schon 7 Tage und ich bin schon leicht genervt.
  • Ein weitere Grund für Amazon ist die schier unfassbare Auswahl an Produkten, es gibt dort eigentlich fast alles.

So, damit habt Ihr mal einen kleinen Einblick in mein Kaufverhalten. Ich gehe mal davon aus, dass ich hier nicht der Einzige bin, der so denkt und handelt. Durch Corona dürfte sich das Kaufverhalten auf jeden Fall weiter in die von mir gezeigte Vorgehensweise verschieben.

Das belegen zumindest diverse Studien und Statistiken.

Umfrage zum veränderten Konsumverhalten infolge der Corona-Pandemie in Deutschland im Jahr 2020
Welchen Einfluss hat COVID-19 auf das Konsumverhalten?
The Global Ecommerce Playbook

Corona als Brandbeschleuniger

Die fortlaufende Studie „Tracking the global state of the consumer Zentrale Ergebnisse für Deutschland“, die in vorherigem Link zu finden ist, zeigt dabei eines fortlaufend auf, die Sorgen um das eigene körperliche Wohlbefinden und die Gesundheit der Angehörigen steigt drastisch an.
Auch wenn sich die Menschen mit dem lokalen Einzelhandel solidarisieren, die Innenstädte und Einkaufszentren werden immer leerer.

Warum sollten Konsumenten auch von Laden zu Laden gehen, um Preise und Produkte zu vergleichen, wenn im Internet diese Informationen mit wenigen Klicks zur Verfügung stehen und der Einkauf dann sogar noch bis zur Wohnungstür geliefert wird – ohne Infektionsrisiko!?

Dabei sind leere Innenstädte kein Trend, der durch die Angst vor einer Infektion etc. entstand, sondern ein Phänomen, welches es schon seit Jahren zu beobachten gibt. Corona ist hier nur der Brandbeschleuniger.

Egal wie man es dreht und wendet, eigentlich sprechen alle Statistiken für einen Ausbau des stationären Handels zum crossmedialen Player. Aber es passiert kaum etwas, der lokale Handel reagiert auf das Thema E-Commerce mit einer, für Onliner, unbegreifbaren Resistenz.

Das liegt aber nicht daran, dass der lokale Händler die Gefahr des E-Commerce unterschätzt!

Das Problem ist viel einfacher auszumachen und trifft nicht nur auf den Einzelhandel zu, sondern auf die komplette deutsche Wirtschaft.

E-Commerce hat für die meisten Unternehmen in Deutschland kaum eine Relevanz. Denn 90% des Umsatzes kommen aus dem stationären Geschäft und nur 10% aus dem Digitalen. Da ist es verständlich, warum die Prioritäten vom Einzelhandel so gesetzt sind wie sie sind.

Der Einzelhandel wird sich erst wirklich bewegen, wenn die Erlöse im E-Commerce annähernd vergleichbar sind. Wobei es da bereits für die Meisten zu spät sein dürfte.

Die größten Hemmschwellen des stationären Handels:

  1. Umsatz: 90% stationär zu 10% Online – Relevanz
    Der stationäre Einzelhandel muß verstehen, dass E-Commerce ein wichtiger Absatzkanal für seine Produkte und Leistungen ist. Die Relevanz steigt von Jahr zu Jahr an, wer zu spät aufspringt, wird es extrem schwer haben.
  2. Anforderungen an den Datenschutz – Unsicherheit und fehlendes Wissen
    E-Commerce ist ein extrem komplexes Gebiet, hier finden sich alle Techniken des Online Marketings wieder. Von SEO bis Social-Ads, Analytics… Sowie auch das rechtliche Thema, von Widerrufsbelehrungen bis Datenschutz. Wer in E-Commerce einsteigt, muß sich daher mit vielen Themen auseinandersetzen. E-Commerce macht man nicht von heute auf morgen, es braucht eine gewisse Zeit. Daher benötigt es umfassende Schulungen und gut aufgestellte Dienstleister, was mit Kosten verbunden ist. Der Berg an Wissen, der erklommen werden muß ist riesig, aber der stationäre Handel muß sich damit auseinandersetzen.
  3. Veränderung der Organisationsstruktur
    E-Commerce benötigt andere Strukturen als der klassische stationäre Handel. Das begint beim Online Shop selbst, Paymentsystme, Versand, Lager, Warenwirtschaft und natürlich die Produkt Vermarktung digital. Außerdem macht man E-Commerce nicht nebenbei, es benötigt eine Kümmerer und eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit bei Kundenfragen etc. Der Kunde kommt nicht mehr nur in den regulären Öffnungszeiten, sondern gerne mal Sonntags oder Abends ab 20:00 Uhr.
  4. Der Aufwand – die Mehrarbeit
    E-Commerce bedeutet für den Händler einen zusätzlichen Aufwand und damit mehr Arbeit. Das beginnt beim Einstellen der Produkte für den Online Shop. Also Produktbilder, Texte… Verpackung und Versand etc. Stationär ist das wesentlich einfacher, der Kunde sucht aus, bezahlt und fertig.
  5. Der Preiswettkampf
    Und klar, der Preiswettbewerb online ist enorm. Das können schon mal bis zu 30% im Preisunterschied stationär zu online sein! Ich durfte selbst neulich die Erfahrung machen, bei einem Fahrradhelm. Im Fachgeschäft stationär 49.- €, bei Amazon 34.- €! Da fühlt man sich als Kunde irgendwie verarscht.

Kurzum, der lokale Einzelhandel muß sich crossmedial aufstellen. Heißt stationäres Ladengeschäft, kombiniert mit E-Commerce, wobei der Online-Shop um Marktplätze erweitert werden sollte um entsprechende Reichweiten aufzubauen. Nur so kommt er an Neukunden, über sein lokales Einzugsgebiet hinaus, heran.

Natürlich sind nicht alle Sparten gleich betroffen, so wie z.B. die Lebensmittel-Geschäfte, aber das ist nur eine Frage der Zeit.

Der Einzelhändler muß sich bewegen und lernen, die Alternative „Kopf in den Sand und warten“ wird hier nicht funktionieren.

Zahlreiche deutsche Kommunen versuchen bereits mit lokalen Online-Marktplätzen oder digitalen Schaufenstern gegen die sinkenden Besucherzahlen in den Innenstädten anzugehen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Initiativen nur funktionieren, wenn der Händler bereit ist, etwas dafür zu tun. Der Händler muß es wollen!

Einer der erfolgreichsten lokalen Marktplätze ist z.B. Hallo Ostalb. Dort haben sich bereits über 340 Händler der Plattform angeschlossen.
Um den lokalen Handel fit für E-Commerce zu machen, hat sich hier eine große Koalition gebildet, bestehend aus dem Verlagshaus SDZ Druck und Medien., Kreissparkasse, VR-Bank, lokale Agenturen, sowie den Städten und deren Wirtschaftsförderer. Zusammen wurde eine Fortbildungsmaßnahme entwickelt, der „Digitale-Führerschein„.

Der Handel muß sich bewegen.
Die Strohalme um sich daran fest zu klammern sind aus.

„DO IT“

Wie die Zukunft der Innenstädte aussehen könnte, lest Ihr hier: „Die deutschen Innenstädte haben ein Problem – Corona ist nur der Brandbeschleuniger!


Titelbild: by Barthelemy de Mazenod on Unsplash